Deutschland ist eher nicht für große Sprünge in puncto Digitalisierung bekannt. Doch mit der digitalen Brieftasche soll nun eine einheitliche digitale Identität entstehen – und das sogar europaweit. Während digitale Zahlungen, Flugtickets oder Kundenkarten schon lange zum Alltag gehören, könnte eine digitale Identität noch viele weitere Aufgaben vereinfachen. Oder? Denn ein großer Kritikpunkt ist wie so häufig bei Digitalisierungs-Themen der Datenschutz. Und auch die Konkurrenz schläft nicht.

EC-Karte und PIN waren gestern. Die Zahlungsmittel der Zukunft werden wohl eher Apple, Google oder Alipay heißen. Denn Mobile Payment wird immer beliebter und ermöglicht sekundenschnelle Zahlungen durch einen einfachen Fingerabdruckscan. Von 2016 bis 2019  wuchs der Anteil der Nutzer von mobilen Zahlungsmethoden in Deutschland von 10 auf 33%. Währenddessen nutzten 2019 bereits 900 Millionen Kunden in China die Zahlungsplattform Alipay – also über 60% der Bevölkerung. Auch die Technologie ist in China schon einen Schritt weiter: Mit „Smile-to-Pay“ bietet Alipay ein noch einfacheres Zahlungsverfahren, das durch Gesichtserkennung am POS funktioniert – ganz ohne Fingerabdruck und Smartphone.

Doch zurück zu uns in Deutschland: Ja, wir zahlen zunehmend mit dem Smartphone und speichern unsere Kundenkarten oder Flugtickets in der Apple Wallet. Doch bei vielen Ämtern und Unternehmen sucht man noch immer vergeblich nach der Möglichkeit, Nachweise digital zu erbringen – ob bei der Zulassung des neuen Autos oder beim Ausfüllen des Meldescheins im Hotel. Um das zu ändern, hat die Bundesregierung die „Europäische Digitale-Identitäten-Initiative“ gestartet und als rechtlichen Rahmen im Februar das Smart-eID-Gesetz verabschiedet. Im ersten Schritt soll damit ein neuer digitaler Personalausweis entstehen, langfristig sollen auch andere Dokumente wie Führerschein oder Studentenausweis in der digitalen Wallet gespeichert und europaweit genutzt werden können. Um ein möglichst breites Spektrum an Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen, arbeitet der Staat eng mit verschiedenen Unternehmen zusammen.

Kürzlich hat auch die EU-Kommission einen Entwurf vorgelegt, der vorsieht, dass künftig alle EU-Staaten eine sogenannte EUid anbieten müssen. Mit dem Online-Ausweis soll dann zum Beispiel das Mieten einer Wohnung im europäischen Ausland erleichtert werden. Außerdem sollen Konzerne wie Google oder Facebook dazu verpflichtet werden, die EUid anzuerkennen – beispielsweise als Altersnachweis auf den Plattformen.

Startschuss für die deutsche ID Wallet

Seit Mai diesen Jahres wird die ID Wallet langsam zur Realität. Im Rahmen eines Pilotprojekts dürfen Geschäftsreisende der Deutschen Bahn, Lufthansa, Bosch und BWI mithilfe einer neuen App bei ausgewählten Hotels einchecken. Dazu werden in der Wallet vorab zwei Informationen hinterlegt: Einerseits die verifizierten Identitätsdaten von der Bundesdruckerei, andererseits die Rechnungsadresse von der Firma. An der Rezeption müssen die Reisenden dann nur noch einen QR-Code scannen und damit die Daten verschlüsselt übertragen – das Hotel kann diese nicht zentral speichern. Ab September soll die neue Variante des digitalen Personalausweises dann jedem in Deutschland zur Verfügung stehen. Außerdem folgen in diesem Jahr noch weitere öffentlich-private Modellprojekte.

Die Sorge um den Datenschutz

Bei digitalen Projekten steht in Deutschland häufig das Thema Datenschutz im Vordergrund. Denn es gibt verschiedenste Ansätze und Meinungen dazu, wie, wo und wie viele Daten gespeichert werden sollen und dürfen. Für das Ökosystem digitaler Identitäten möchte die Bundesregierung den „Self Sovereign Identity (SSI)“-Ansatz verfolgen. Dieser sieht vor, dass Nutzer die volle Kontrolle über ihre Daten behalten. Sie können alle Nachweise selbst verwalten und je nach Anlass selektiv teilen. Für die Verifizierung der Daten soll ein dezentrales Netzwerk zum Einsatz kommen. Darüber werden immer nur ausgewählte Informationen mit dem Empfänger geteilt und dadurch eine zentrale Speicherung großer Datenmengen vermieden – es erhält also niemand ungefragt Zugriff. 

So weit, so gut. Doch der Ansatz erfordert auch eine entsprechende Infrastruktur – Smartphones müssen spezielle Anforderungen erfüllen und auch Blockchain-Technologie soll zum Einsatz kommen. Vor allem ersteres wird von Kritikern bemängelt. Denn aktuell haben nur einige Samsung-Geräte die erforderliche Sicherheitsarchitektur. Eine eID für alle macht allerdings nur Sinn, wenn auch alle darauf zugreifen können – unabhängig von ihrem Handy-Modell oder Budget. Außerdem mache sich der Staat damit von Dritten abhängig.

Internationale Konkurrenz

Es gibt noch ein weiteres Manko an den Plänen der Bundesregierung. Denn die Idee zur digitalen Identität wurde nicht von uns erfunden – auch andere Nationen und Unternehmen arbeiten daran. Neben „ID2020“ von Microsoft und der US-Regierung gibt es das kanadisch-niederländische Projekt „Known Traveller Digital Identity“. Damit soll schon in Kürze die klassische Passkontrolle durch einen automatischen biometrischen Scan ersetzt werden. Längerfristig ist auch die Integration weiterer Dokumente angedacht. Eine deutsch-europäische Lösung könnte also bereits vor ihrer Fertigstellung überflüssig werden, wenn sich andere Anbieter schneller etablieren. Und auch der Datenschutz wäre dann schwieriger überprüfbar – gerade die Nutzung biometrischer Daten führt schnell zur Sorge um Überwachung.

Fazit

Egal von welchem Anbieter – digitale Brieftaschen und Identitäten werden schon bald Teil unseres Alltags werden. Nach dem Test der ID Wallet in deutschen Hotels stehen weitere Anwendungsmöglichkeiten schon in den Startlöchern. Die technologischen Voraussetzungen und der Datenschutz sind allerdings noch Themen mit Klärungsbedarf.

Unternehmen sollten sich schon jetzt auf die Nutzung und Erstellung digitaler Nachweise vorbereiten. Ein sicheres und leistungsfähiges Netzwerk ist Grundvoraussetzung hierfür. Als erfahrener Berater unterstützen wir Sie gerne bei der Planung und Realisierung eines Netzwerks, das bestens für die digitale Zukunft gerüstet ist.